Gesehen: Juror #2 (2024) - Jenseits des Stuhls

Seit Clint Eastwood 2012 bei der National Rifle Association mit einem Stuhl als Ersatz für Barack Obama gesprochen hat, habe ich ihn irgendwie als komplett abgedrifteten Republikaner abgeheftet. Dass das nicht ganz fair war, zeigt dieser Film.
JUROR #2 hält mir den Spiegel vor. Klar, Eastwood ist weiterhin ein erzkonservativer Republikaner. Das zeigt sich hier alleine durch diesen krassen heteronormativen Kernfamilien-Fetisch. Das kann man gut finden oder nicht, denn für das, was der Film in meinen Augen versucht, spielt das gar keine große Rolle. Eastwood ist eben mehr als die skurrile Stuhl-Episode, und ich habe ihn trotzdem in eine Schublade gesteckt.
Eastwood inszeniert hier unter dem Brennglas des Gerichtssaals ein republikanisches Amerika, das die so offensiv vor sich hergetragenen Werte längst aus den Augen verloren hat. „Liberty and justice for all" ist Zeugnis einer zutiefst gespaltenen Gesellschaft geworden, in der einzelne Gruppen für sich proklamieren, „all" zu sein. Law and order ist praktisch nur noch ein diskriminierendes Instrumentarium.
Ich muss kein Konservativer sein, um anzuerkennen, dass hier jemand sehr ruhig und klar für seine Werte argumentiert und sich nicht in ideologischen Grabenkämpfen versteigt. Denn die durch ökonomische Faktoren immer größer werdende (und politisch vorangetriebene) Ungleichheit vor dem Gesetz sowie innerhalb eines Justizsystems, das mit zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung nur schwächer wird, ist keine Ansichtssache, sondern Fakt. Auch mit konservativen US-amerikanischen Werten ist das nicht vereinbar.
Eastwood verhandelt mit seinem Gerichtsdrama die großen Themen der US-amerikanischen Gegenwart und mahnt den Verlust eines ganzen Wertekonstrukts bei gleichzeitigem Abstieg in den Höllenkreis der Vibe Politics an. Sein Film meint: Wir müssen nicht einer Meinung sein, aber uns trotzdem verständigen können.
Ein wahrscheinlich zufälliges, aber spannendes Detail: Es sind ausgerechnet ein Brite (Nicholas Hoult) und eine Australierin (Toni Collette), die hier als Verhandler:innen der US-amerikanischen Werte ins Rennen geschickt werden – als ob die tatsächlichen US-Amerikaner:innen dazu schon gar nicht mehr in der Lage sind.
★★★★☆

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