Gelesen: „I'm Thinking of Ending Things" (2019) von Iain Reid

Vor knapp fünf Jahren habe ich Charlie Kaufmans Filmadaption gesehen und für den Musikexpress eine Kritik geschrieben. Seitdem hat sich meine Perspektive auf die Welt tatsächlich deutlich geändert – ich würde sogar behaupten: erweitert. Wenn ich also sage, dass ich finde, dass diese Buchvorlage doch klar anders gelagert als ihre Verfilmung ist, dann kann das zwei Dinge bedeuten:
- Buch und Film sind thematisch doch nicht so weit voneinander entfernt, ich habe die grundlegenden Themen nur damals™ nicht sehen können.
- Ich habe den Film mittlerweile weitestgehend vergessen.
Aber zum Buch: Es beginnt, wie Kaufmans Film. Die Protagonistin stellt sich die Frage, ob sie die Dinge beenden solle. Sie spricht schnell von ihrer Beziehung. Doch die vage Formulierung öffnet direkt den Raum, für Anschlussfragen. Meint sie wirklich nur ihre Beziehung? Spricht sie vielleicht doch von ihrem Leben? Oder eventuell von der Verkrustung gesellschaftlicher Strukturen? Ganz konkret von Gewalt gegen Frauen?
Auch, wenn das Buch ein scheinbar klares Ende liefert, lässt die elliptische Erzählweise vielerlei Schlüsse zu. Wir, als Menschen, als Gesellschaft bewegen uns auf einer Kreisbahn. Darauf sind wir unweigerlich dazu verdammt, immer und immer wieder die gleichen Fehler zu machen, die gleichen Erlebnisse einzustecken sowie die gleichen und somit auch immer wieder die falschen Schlüsse zu ziehen. Ein Kreis ist definitionsgemäß geschlossen, ein Ausbrechen ist sozusagen nur möglich, wenn die komplette Struktur in Trümmer gelegt wird.
Diese ganzen provozierten Gedanken sind für mich schon per se super spannend. Aber sie sind dem reinen Lesen natürlich nachgelagert. Doch auch das Lesen selbst hat einfach Spaß gemacht. Denn Iain Reid versteht es, seine konstruierten Vignetten subtil mit zunehmend entrückten Details zu durchsetzen und so ein immer unheimlicheres Gefühl einer lauernden Gefahr aufziehen zu lassen.
★★★½☆
Eine gute Stelle aus dem Buch:
Immer wenn ich dachte, ich hätte den richtigen Anlass gefunden, um die Kerze anzuzünden, bekam ich plötzlich das Gefühl, mich damit festzulegen. Und so wartete ich auf eine bessere Gelegenheit. Sie steht immer noch mit weißem Docht oben auf dem Bücherregal.
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