Filme. (Netz-)Kultur. Medien. Undso. 🖖 Von André Pitz.

Der peinliche Fühlifühli-Journalismus des Hollywood Reporters

André Pitz

Beim Hollywood Reporter ist derzeit ein, wie soll ich sagen, interessantes Stück zum Thema „alte" Filme und deren Fehlen in den Katalogen von Netflix und Co. zu lesen. Autor Benjamin Svetkey scheint das Herz immerhin am rechten Fleck zu haben.

How Streaming Is Making Us All Cinema-Illiterate
The oldest title available on Netflix last month was 1973’s ‘The Sting.’ Where does that leave the next generation of film lovers?
The great promise of streaming, of course, was supposed to be a world in which every movie ever made would be immediately viewable at the touch of a button. [...] And yet, as it turns out, the streaming revolution has been something of a disaster for classic movies. It has, in fact, been slowly and methodically wiping the collective culture’s memory of anything made before … well, 1973 seems about right.

Seine Kritik richtet sich hier völlig zu Recht an die großen Streaming-Anbieter – nur um dann den kurzsichtigsten Take, den ich je dazu gelesen habe, nachzuschieben.

Why would viewers today bother to search Apple TV+ or Google Play for a classic film like, say, The African Queen, when their Netflix home screens are already beckoning them with original offerings like Kinda Pregnant and La Dolce Villa? Of course, there’s every reason they should watch John Huston’s 1952 adventure story — not the least of which is Bogart and Katharine Hepburn’s bristly onscreen chemistry — but most won’t. They’ll watch Amy Schumer strap on a fake belly bump instead. Because there isn’t a Late, Late Show making them watch the good movie.

Svetkey schreibt es selbst und verpasst es, auch nur einen einzigen produktiven Schluss daraus zu ziehen. „Because there isn’t a Late, Late Show making them watch the good movie." Das ist natürlich unglaublicher Quatsch. Es ist richtig, dass es eben nicht mehr die Late Late Show ist. Dafür bespielen andere Tastemaker:innen das Feld. Wer an Film(geschichte) interessiert ist, wird ohne Aufwand fündig werden.

Wer hingegen schon damals™ etwas nur geschaut hat, wenn Tom Snyder oder Craig Kilborn es gesagt haben, war höchstwahrscheinlich auch schon damals™ passive:r Zuschauer:in, gar nicht explizit an „guten" Inhalten interessiert und damit auch nicht „besser" als alle, die sich heute vom Netflix-Algorithmus ihren Filmkonsum diktieren lassen.

Einen „guten Klassiker" einfach gedankenlos wegzukonsumieren ist in meinen Augen nicht sonderlich weit davon entfernt, die nächste Folge Love is Blind zu ballern, weil es groß auf der Netflix-Home ist.

Ich finde es befremdlich, ein so kritisches Thema für Kultur, Gesellschaft und Industrie mit so viel unbelegtem Fühlifühli aus dem Bauch heraus abzuarbeiten. Es ist unfassbar belanglos und egal, was Humphrey Bogarts Sohn Stephen dazu meint. Der findet in diesem Artikel sowieso nur statt, um seinen neuen Dokumentarfilm zu bewerben. Wo sind die handfesten Statistiken, die Anfragen an die Streaming-Dienste, die Einschätzungen von Filmhistoriker:innen und anderen Wissenschaftler:innen?

Peinlich.

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